Jan 29, 2010
Herumstreifen in Farbe

Mit der Ausstellung „Herumstreifen in Farbe“ soll auf verschiedene Art und Weise Farbe in das Dienstgebäude – Raum für Kunst in Zürich gebracht werden. Die Auseinandersetzung mit Farbe betrifft ihren Umgang in der Malerei, aber auch in Fotografie und Film. Wie artikuliert Farbe Raumtiefe? Welchen Zusammenhang nimmt die Farbe zum Motiv ein? Die Ausstellung nimmt mit den Gemälden von Raphael Egli und Peter Stoffel zwei Positionen auf, die sich auf unterschiedliche Weise mit Farbe und Landschaft beschäftigen: zum einen entsteht durch Farbe Raumtiefe und zum anderen erzeugen kleine Farbflächen in ihrer Rhythmisierung ein topologisches Gebilde. Neben der Auseinandersetzung mit Malerei wird die Artikulation von Farbe und Raum insbesondere auch in Fotografie und Film befragt. Michel Borgmanns Fotoserie „from A to B and back again“ geht von Farbproben aus früheren Schaffensphasen über die Fotografie wieder zurück zum Pigment und der thematisch anders gelagerte Film „halbdichtheiten“ von Ralph Kühne stellt über die Kostümierung und den Spielort einen besonderen farblichen Eindruck her. Als Auftakt zur Ausstellung wird Anastasia Katsidis ihreInstallation „Freier Empfang“ (2009) auf dem Dach des Dienstgebäudes montieren. Die Satellitenschüsseln in Rosarot erregen die Aufmerksamkeit der Passanten der Langstrassenunterführung, sind aber auch von weitem, insbesondere aus dem Zug gleich den Werbeplakaten bei der Ein- und Ausfahrt des Zürcher Hauptbahnhofs sichtbar. Raphael Egli (*1975 in Bazenheid, lebt und arbeitet in Luzern und Emmenbrücke) könnte als Landschaftsmaler bezeichnet werden und so mit der Tradition aus dem 19. Jahrhundert und den alten Zentralschweizer Alpenbilder verbunden werden. Doch sein Umgang mit Landschaft und Farbe ist insofern innovativ, als er sich vom Motiv befreit und die Übertragung auf die Leinwand zum Thema macht. Anhand einer kleinen, vor Ort angefertigten Zeichnung, die teilweise auch Farbangaben enthält, entwirft Raphael Egli grosse Formate in Öl auf Leinwand. Bei der Übertragung in das andere Medium findet ein Transformationsprozess statt, hinzu kommt in erster Linie die Farbe, aber auch die Linien undProportionen verschieben sich. Auch Peter Stoffel (*1972 in Herisau, lebt und arbeitet in Genf) bezieht sich in seinen grossformatigen Ölbildern auf die Bergwelt. Doch seine Landschaften sind weitaus fiktiver und können bisweilen auch als nächtliche Stadtansicht oder als höhlenartiges Gebilde gelesen werden. Die kleinen übereinander und nebeneinander geschichteten Farbfelder sind der Moderne wie etwa der Malerei von Paul Klee und weiter entfernt auch kubistischen Tendenzen entlehnt, verbinden sich aber in postmoderner Manier mit psychedelischen Momenten. Innerhalb einer über die gesamte Bildfläche angeordneten Farbfelder entsteht ein unebenes Terrain, das sich in der Wahrnehmung je nach Fokus wieder neu ordnet. Die Farbwelten im traditionellen Medium der Malerei werden in der Ausstellung erweitert durch Michel Borgmanns (*1973 in Chur, lebt und arbeitet in Zetzwil und Zürich) fotografische Arbeiten. In den letzten fünf Jahren hat der Künstler in Anlehnung an das klassische Stillleben Arrangements in seinem Atelier zusammengestellt und diese fotografisch festgehalten. Die Bildkompositionen sind nicht nur durch die dort versammelten Objekte bezeichnend, sondern auch durch ihr farbliches Zusammenspiel. Letzteres kommt durch die pigmentierten Inkjetprints besonders gut zum Tragen. Die neueste Fotoserie „from A to B and back again“ nimmt Farbproben auf, die als Nebenprodukt früheren Schaffens auf kleinen Skizzenblättern entstanden sind, und setzt sie in einen neuen Kontext. Die im Titel angedeutete Schlaufe meint zugleich den Rückbezug auf ältere Arbeiten, den von ihnen gegangenen Weg von der Malerei über die Fotografie wieder zurück zum Pigment oder auch den über die räumliche Verschiebung und die Vergrösserung der ursprünglichen Bildvorlage entstandenen Neuformulierung der Farbkleckse. „Halbdichtheiten“ ist ein Film von Ralph Kühne (*1978 in Rapperswil, lebt und arbeitet in Luzern), der hier zum ersten Mal in einem Ausstellungskontext gezeigt werden wird. Er bedient sich verschiedener Kunsttraditionen und Sparten. Angelehnt an die Kostümierung aus modernen Theaterstücken und an Wortspiele zwischen Dada und Brechtscher Oper entsteht ein eigenständiger, zeitgenössischer Film. Die Farbigkeit ist geprägt von der hellblau türkisfarbenen Kulisse verschiedener Freibäder, vor deren Hintergrund sich das Rot, Schwarz und Weiss der Kostüme besonders gut abzeichnet. Der Film gleitet zwischen Flächigkeit und Raumtiefe hin und her, bewegt sich zwischen einer fortlaufenden Geschichte und den sich ins Nichts auflösenden Texten, lässt die Protagonisten zwischen Figur und Nichtfigur pendeln. Auf diese Weise entstehen lose Zusammenhänge, die in der Wahrnehmung jeweils neu aufeinanderprallen, sich verbinden oder aneinander zerbrechen. Auf humorvolle Art und Weise nimmt Anastasia Katsidis (*1974 in Wildnau, lebt und arbeitet in Luzern und Kairo) mit der Transformation von Gebrauchsgegenständen auf gesellschaftliche und kulturpolitische Situationen Bezug. Die zwischenmenschliche Kommunikation und die Bewegung innerhalb vonSystemen und über deren Grenzen hinweg werden immer wieder zum Thema. Besondere Aufmerksamkeit gibt die Künstlerin ihren Installationen über die Farbigkeit, meist Rot oder auch Rosarot.Die Farbe übt eine besondere Anziehungskraft aus, löst die Gegenstände aber auch aus ihrem Kontext und ermöglicht fiktive Zugänge. „Freier Empfang“ (2009) – eine Installation mit rosarot bemaltenSatellitenschüsseln und Colabüchsen als Empfangskopf – entstand vor dem Hintergrund der ägyptischen Gesellschaft in Kairo, ihrer mit solchen Empfängern ausgestatteten Dachlandschaft und dem Wunsch einer Beziehung zur Welt.
Dienstgebäude, Weichengasse 4, bei Neufrankengasse / Langstrassenunterführung, Zürich 4
079 211 71 12